Bewegte Landbilder im Rückspiegel

Ein Nachbericht über das Symposium zur Erschließung der Filmsammlung „Niederösterreich privat“

„Niederösterreich privat“, ein filmischer Schatz, der von über 2.700 Privatpersonen zusammengetragen wurde, stand im Mittelpunkt des Symposiums „Bewegte Landbilder“ in St. Pölten.

Am 30. und 31. Oktober 2019 trafen einander die Beteiligten, die an der Entstehung und Erschließung dieser Sammlung mitwirk(t)en, und österreichische und internationale Expertinnen und Experten, um über das Sammeln und Erforschen von Amateurfilmen zu sprechen. Bei der Abendveranstaltung am Mittwoch, 30. Oktober, konnte Christian Rapp als wissenschaftlicher Leiter des Hauses der Geschichte im Museum Niederösterreich zahlreiche Gäste und VertreterInnen von Partnerinstitutionen im hauseigenen Kino begrüßen.

Hermann Dikowitsch bei der Eröffnung des Symposiums

Hermann Dikowitsch, Leiter der Abteilung Kunst und Kultur des Amtes der NÖ Landesregierung als Fördergeber des gesamten Projekts, eröffnete in Vertretung von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner das Symposium. Birgit Maimer, Abteilung Kunst und Kultur, betonte in ihrem Beitrag das große Echo, das der 2013 gestartete Aufruf zur Einbringung von Schmalfilmen hervorgerufen hatte.

Anschließend sprachen Ernst Kieninger, Direktor des Filmarchivs Austria, und die dortige Projektverantwortliche Fumiko Tsuneishi über den aufwändigen Befundungs- und Digitalisierungsprozess für die über 70.000 Filme. Ernst Langthaler, Vorstand des Instituts für Geschichte des ländlichen Raumes, moderierte den Abend und erläuterte auch die kurzen Filmsequenzen zwischendurch, die ein Panorama quer durch Niederösterreich von der Rax bis an die Thaya boten und mit Szenen von Festen, Ausflügen oder Spaziergängen aus den 1980er bis 1920er Jahren Einblick in die Themenvielfalt von „Niederösterreich privat“ gaben.

Projektkoordiantorin Johanna Zechner vor dem Publikum am 30.10.2019Johanna Zechner, die Koordinatorin des seit November 2018 laufenden Erschließungsprojekts, wies anhand eigener Erfahrungen bei der Ausstellungsgestaltung auf die Bedeutung einer systematischen Erschließung für die künftige Forschung und Kulturarbeit hin. Ulrich Schwarz-Gräber zeigte dann, wie das Projektteam des Forschungsnetzwerks interdisziplinäre Regionalstudien unter seiner Leitung ein Erfassungssystem für die umfangreiche Sammlung an Home Movies/Amateurfilmen entwickelt hat, welche Suchwege in der neuen Datenbank möglich sein werden und wie Auswertungen der bisher erarbeiteten Metadaten mit alltags- und zeithistorischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert in Zusammenhang stehen. Zum Ausklang stellten Almut Hufnagl, Florian Ribisch und Brigitte Semanek mit ausgewählten Filmclips erste Forschungsfragen zu Festessen, Arbeiten in der Landwirtschaft und Jugendorganisationen vor, die im Rahmen ihrer Erschließungsarbeit entstanden sind.

Beim Workshop am Donnerstag, 31. Oktober, wurden die Charakteristika von „Niederösterreich privat“ im Kontext anderer Sammlungen und wissenschaftlicher Projekte beleuchtet. Zu Gast waren zunächst Alexandra Schneider, Professorin für Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die in ihrem Vortrag Amateurfilme aus theoretischer und forschungspraktischer Perspektive betrachtete, und Fumiko Tsuneishi, die im Filmarchiv Austria auch für das Folgeprojekt „Salzburg privat“ zuständig war. Brigitte Semanek zeichnete nach, welche Entscheidungen hinsichtlich der Erfassung von Schauplätzen und inhaltlichen Schwerpunkten in „Niederösterreich privat“ getroffen wurden, und stellte die Reflexionen des Projektteams über mögliche Leerstellen in der Beschreibung zur Diskussion.

Den Nachmittag eröffnete Anna Leipe vom Haus des Dokumentarfilms – Europäisches Medienforum e.V. in Stuttgart, dessen Landesfilmsammlung Baden-Württemberg auch zahlreiche Amateurfilme enthält. Weitere Beiträge kamen von Gabriele Fröschl, der Leiterin der Österreichischen Mediathek, und Renée Winter vom Institut für Zeitgeschichte (Universität Wien), die den „Wiener Video Rekorder“ und dessen Entstehungsgeschichte vorstellten. Michael Loebenstein, Direktor des Österreichischen Filmmuseums, und die Archivarin Stefanie Zingl berichteten von unterschiedlichen Forschungsprojekten mit Amateurfilmen. Einige davon entstanden in Zusammenarbeit mit dem Ludwig Boltzmann Institute for Digital History, dessen Leiter Ingo Zechner abschließend über Potentiale und Grenzen der digitalen Erschließung von historischem Filmmaterial sprach.

In den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen wurden Überlegungen zur spezifischen Medialität von Amateur- und Familienfilmen als Ego-Dokumente und zum Umgang mit den Massen an Filmen angestellt. Die archivarische Praxis, die Rolle der Filmenden und die Bedeutung von technischen Weiterentwicklungen wurden ebenso hervorgehoben wie Kontextualisierungsfragen und Möglichkeiten der Erforschung in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung vor Ort oder mit Schulklassen.

Weitere Vernetzungstreffen sollen folgen, auch in Kooperation mit der European Rural History Film Association. Eine nächste Gelegenheit, Einblick in Amateurfilmwelten zu bekommen, bietet eine Veranstaltung am 29. November 2019 im Rahmen der von Alejandro Bachmann kuratierten Reihe „Ein Dorf in der Geschichte“ mit Beispielen aus den Sammlungen des Österreichischen Filmmuseums und aus „Niederösterreich privat“, wieder im Museum Niederösterreich.

Der ORF Niederösterreich beschrieb in seinem Online-Bericht über das Symposium, wie die Amateur- und Familienfilme „Zeugnis über Außergewöhnliches wie Alltägliches“ geben und als bisher unbekannte Quellen „das Bild des eigenen Landes und seiner Geschichte in Bewegung“ bringen können. Auch die Niederösterreichischen Nachrichten stellten in ihrem Beitrag das Besondere des Materials in den Vordergrund: „Die Filme produzierte kein Starregisseur wie Michael Haneke. Stattdessen flimmerten im Museum NÖ private Aufnahmen von Familienfesten, Ferienlagern oder Feldarbeit über die Leinwand.“

> „Bewegte Landbilder“ des 20. Jahrhunderts, noe.orf.at Wissenschaft, 29.10.2019.

> Caroline Böhm, „Niederösterreich privat“. Filmschätze aus NÖ bei Symposium, NÖN, 2.11.2019.

> Zum Programm des Symposiums im Überblick ...

 

Die Vortragenden beim Symposium am 30.10.2019

Die Vortragenden am 30.10.2019 v. l. n. r.:
Almut Hufnagl, Fumiko Tsuneishi, Florian Ribisch, Birgit Maimer, Ulrich Schwarz-Gräber, Ernst Kieninger, Ernst Langthaler, Johanna Zechner, Christian Rapp, Brigitte Semanek und Hermann Dikowitsch.

Fotos: NÖ Museum BetriebsGmbH.
Titelbild: „Niederösterreich privat“, 2713-034.