Maximilian Martsch: Der Hunger der Großstadt. Die Wiener Verzehrungssteuer als Grundlage einer Nahrungssystemanalyse

Rural History Forum 38

  • Wann04.04.2016 von 13:00 bis 14:30 (CET / UTC200)
  • WoSt. Pölten, NÖ Landesarchiv, Seminarraum (Erdgeschoß)
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Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Industrialisierung und Urbanisierung. In der Zeitspanne von 1800 bis 1900 wuchs allein die Wiener Bevölkerung um mehr als 500 Prozent. Durch diese Entwicklung stießen die traditionellen Strukturen der Lebensmittelversorgung an ihre Grenzen und die Ernährung der Bevölkerung wurde zu einem Problem der städtischen Expansion.
Die Nahrungsmittelversorgung von Großstädten ist auch heutzutage immer noch ein brandaktuelles Thema. Um Städte effizient und durchgehend mit Nahrung zu versorgen, bedarf es eines komplexen Versorgungsnetzwerks. Die historische Rekonstruktion und Analyse städtischer Nahrungssysteme benötigt eine breite empirische Grundlage, damit vertikalen Verstrebungen und Interdependenzen sowie die strukturelle Ordnung der Beziehung zwischen Produktion und Konsum untersucht werden können.
Für Wien existiert mit den Aufzeichnungen der Wiener Verzehrungssteuer (1829–1921) ein umfangreicher Quellenkorpus für die Erforschung der städtischen Lebensmittelversorgung. Die Verzehrungssteuer wurde auf eine Vielzahl von Nahrungs- und Genussmitteln eingehoben. Steuerpflichtige Waren, die über die Stadtgrenzen eingeführt wurden, wurden mengenmäßig erfasst und dokumentiert. Die Wiener Verzehrungssteuer ermöglicht einen aufschlussreichen Einblick in die quantitativen Anforderungen - den Hunger - der Großstadt Wien. Wie aber können diese Daten als Ausgangspunkt genutzt werden, um eine detaillierte Analyse des Wiener Nahrungssystems und seiner Entwicklung im 19. Jahrhundert vorzunehmen? Welche Limitierungen, welche Möglichkeiten ergeben sich?
Der Vortrag soll zum einen anhand ausgewählter Beispiele einen kurzen Überblick über die Wiener Verzehrungssteuer als Quelle nahrungsgeschichtlicher Forschung geben. Zum anderen soll ausgehend von den methodologischen bzw. theoretischen Konzepten der food regimes (Friedmann, McMichael 1989) und commodity systems analysis (Friedland 1984, 2001; Dixon 1998) diskutiert werden, ob die Verzehrungssteuer als Grundlage für diese Forschungsansätze genutzt werden kann und inwiefern sich beide Zugänge überhaupt für die historische Analyse von städtischen Nahrungssystemen eignen.

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