Soziale Sicherheit in der Landwirtschaft

Die Entwicklung der bäuerlichen Sozialversicherung im 20. Jh. wird dargestellt.

Förderung

Sozialversicherungsanstalt der Bauern

Laufzeit

Jänner 2006 - Dezember 2008

Bearbeiter

Gerhard Siegl
Guenther Steiner

Beschreibung

Die Geschichte und Ausgestaltung des Sozialversicherungssystems der Land- und Forstwirtschaft weist einige Besonderheiten auf. Ausgehend von den Vor- und Frühformen sozialer Sicherung geht die Arbeit „… ja, jetzt geht es mir gut …“ der Frage nach den Gründen für den – etwa im Vergleich zur Industriearbeiterschaft – historischen Spätstart der Sozialversicherung in der Landwirtschaft nach. Vor dem Hintergrund sozioökonomischer Veränderung werden die Entwicklungsstufen und Formen (Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherung) der Sozialversicherung der bäuerlichen Welt von den Anfängen in der ausgehenden Monarchie bis zur Gegenwart aufgezeigt. Dabei werden auch die Motive der entscheidenden Akteure und die Hintergründe der Entwicklung aufgezeigt. Zahlreiche Interviews mit Funktionsträgern der bäuerlichen Sozialversicherung bringen die Sicht der Zeitzeugen ein. Anhand der Ergebnisse eines Schreibaufrufs wird die Darstellung der betroffenen Versicherten exemplarisch dargestellt.

Inhaltliche Gliederung:

  • Der Weg zur gesetzlichen Institutionalisierung bis 1921
  • Vorläuferorganisationen der SVB von 1921 bis 1974
  • Die Geschichte der SVB 1974-2008
  • Zusammenfassung der Ergebnisse

Methodologisch stützt sich die Arbeit auf ein ausführliches Studium sowohl legistischer Primärquellen als auch solcher des Staatsarchivs und des Archivs der Sozialversicherungsanstalt der Bauern. Neben umfangreicher Sekundärliteratur wurden darüber hinaus auch Interviews als Quellen herangezogen.

Die zentralen Forschungsergebnisse auf einen Blick:

1. Die Einbindung von Landarbeitern und Bauern in das System der sozialen Sicherheit wurde in der Regel nicht „von unten“, also auf Wunsch der Betroffenen bzw. auf Grund eines mehr oder weniger hohen Grades von politischer Organisation der Betroffenen erreicht, sondern passierte „von oben“ durch den Gesetzgeber, durch Interessenvertreter und Politiker (Pioniere wie Dollfuß, Scheibenreif usw.). Später fand eine Verlagerung der Entscheidungsebenen statt: Beim Unfallversicherungsgesetz hatten noch das Herrenhaus und der Gewerbeausschuss die Diskussion geführt; Bauernbünde oder Landwirtschaftskammern gab es noch nicht. Bei der Einführung der Kranken- und Pensionsversicherung spielten hingegen die politischen Vertreter der Versicherten (die auch Funktionäre der diversen Versicherungsanstalten sein konnten) eine Hauptrolle in der Diskussion.

2. Für die Industriearbeiterschaft und andere unselbständig Erwerbstätige war die Einbeziehung in das System der sozialen Sicherheit immer ein Erfolg. Für die Selbständigen in der Land- und Forstwirtschaft kam dieser Vorgang dem Eingeständnis gleich, nicht mehr für sich selbst bzw. seine Wirtschaft mit allem, was dazu gehört, sorgen zu können (Prestigeverlust der Bauern).

3. Veränderungen bzw. Neuerungen in der Sozialversicherung wurden durch Veränderung der Arbeitsbereiche der Bauern und der Arbeitswelt am Hof notwendig (Stichwort: Betriebshilfegesetz, Neue Unfallversicherung, Einbeziehung der Nebentätigkeiten, Kinderbetreuungsgeld). Der sozioökonomische Wandel hatte durch den Rückgang der Zahl der Vollerwerbsbauern und die Zunahme der Nebenerwerbsbetriebe maßgebenden Anteil daran, dass die im ländlichen Raum verbliebenen Arbeitskräfte immer wertvoller und folglich in das System der sozialen Sicherheit einbezogen wurden.

4. Die Einführung der Sozialversicherung wurde immer begleitet von ideologischen Ängsten und finanziellen Befürchtungen seitens der Betroffenen. Auf der Seite der Befürworter wurden hingegen die Argumente des besseren Gesundheitszustands der ländlichen Bevölkerung, der finanziellen Kalkulierbarkeit von Risiken wie Unfall oder Krankheit, eine die jüngere Generation entlastende Altersversorgung usw. angeführt.

5. Die Geschichte der sozialen Sicherheit im ländlichen Raum gleicht einem evolutionären Prozess ohne wirklichen Rückschritt (Ausnahme vielleicht 1924: Aufhebung der VII. KVG-Novelle), Fortschritte werden in der Regel immer nur in Etappen erreicht (Zuschussrente – Bauernpension – Einbeziehung der Zuschussrentner; Wahlmöglichkeit bei Pension – Teilbarkeit der Pension – „Bäuerinnenpension“). Allerdings handelt es sich nicht um einen kontinuierlichen Prozess. Es sind deutlich hervortretende Phasen der Weiterentwicklung auszumachen: In den 1920er Jahren, in den 1950er und 60er Jahren und in den 1990er Jahren.

Projektpublikationen

  • Gerhard Siegl, Das ländliche Sozialversicherungswesen während des Zweiten Weltkrieges, in: SVB-Info, September 2007, 8-9.
  • Gerhard Siegl, 120 Jahre Unfallversicherung in der Landwirtschaft. Die Entwicklungsgeschichte der Unfallversicherung in der Land- und Forstwirtschaft, in: SVB-Info, März 2009, 3-22.
  • Gerhard Siegl / Guenther Steiner, Ja, jetzt geht es mir gut … Die Entwicklung der bäuerlichen Sozialversicherung in Österreich, Wien 2010.