Geschichte

Das IGLR, gegründet 2002 in St.Pölten, hat sich zu einer Drehscheibe der europäischen Rural History entwickelt.

Die agrarhistorische Forschung hatte in Österreich bis zur Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert keinen zentralen Ort. Das Projekt der Geschichte der österreichischen Land- und Forstwirtschaft im 20. Jahrhundert gab den Anstoß zur Gründung eines entsprechenden Instituts am 29. April 2002 durch den Vorstand der Ludwig Boltzmann Gesellschaft auf Antrag von Ernst Bruckmüller, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien. Nachdem das Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (LBIGLR) mit dem NÖ Landesarchiv einen mehrjährigen Kooperationsvertrag abgeschlossen hatte, nahm das Institut am 1. September 2002 in St. Pölten mit zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern unter der Leitung von Ernst Bruckmüller seine Tätigkeit auf.

Feierliche Eröffnung des Instituts am 6. Mai 2003 mit Landeshauptmann-Stellvertreter Liese Prokop (Foto: NÖ Landesbildstelle).

Bald trat das Institut mit seinen Aktivitäten an die Öffentlichkeit: 2003 wurde der Rural History Newsletter begründet, 2004 erschien der erste Band des Jahrbuchs für Geschichte des ländlichen Raumes, im selben Jahr fand die erste internationale Konferenz unter Federführung des LBIGLR statt. Enge Beziehungen wurden mit dem Arbeitskreis für Agrargeschichte (AKA) in Deutschland und dem Archiv für Agrargeschichte (AfA) in der Schweiz geknüpft. Nicht nur in Österreich, sondern auch international fand die Arbeit des Instituts rasch Anerkennung:

"Es bleibt zu hoffen, dass mit der Gründung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte des ländlichen Raumes in St. Pölten neues Interesse an der agrargeschichtlichen Forschung auch in Deutschland wie im gesamten Raum der Europäischen Union geweckt wird und die Agrargeschichte wieder zu einem respektablen Kapitel in der Lehre an Schulen und Universitäten wird." (Ulrich Kluge, Agrarwirtschaft und ländliche Gesellschaft im 20. Jahrhundert, Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 73, München 2005, 68)

Da die Ludwig Boltzmann Gesellschaft im Zuge ihrer Reform dem Institut keine tragfähige Perspektive eröffnete, stellte das LBIGLR mit 28. Februar 2006 seine Tätigkeit ein. Seine Aufgaben übernahm das Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (IGLR), das sich bereits am 26. August 2005 als gemeinnütziger Verein konstituiert hatte. Damit stand das Institut mit dem Land Niederösterreich als verlässlichem Kooperationspartner rechtlich und organisatorisch auf eigenen Beinen.

Nach der Gründung und Konsolidierung des Instituts begann 2005 eine Expansion, befördert die durch die Einwerbung von Projektmitteln, vor allem eines ÖAW-APART-Projekts 2005 und eines größeren FWF-Forschungsprojekts 2008. Folglich konnten zusätzliche Instituts- und ProjektmitarbeiterInnen eingestellt werden. Neben der Forschung entfaltete das IGLR eine reiche Veranstaltungs- und Publikationstätigkeit.

Überreichung eines APART-Habilitationsstipendiums der Österreichischen Akademie der Wissenschaften an IGLR-Mitarbeiter Ernst Langthaler durch die Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur Elisabeth Gehrer am 15. April 2005 (Foto: ÖAW)

Mit der vertieften Forschungstätigkeit erweiterte sich auch das Netzwerk des IGLR über den deutschsprachigen Raum hinaus. Über die Beteiligung an der ESF-COST-Aktion Programme for the Study of European Rural Societies, regelmäßige Vorträge im Rural History Network der European Social Science History Conference (ESSHC) und die Teilnahme an der ersten europaweiten Konferenz Rural History 2010 knüpfte das Institut zahlreiche internationale Kontakte. Internationale Anerkennung erfuhr das Institut mit der Entscheidung der European Rural History Organisation (EURHO), ihre Geschäftsstelle am IGLR in St. Pölten einzurichten. Damit war das Institut zur Drehscheibe der europäischen Rural History geworden.

TeilnehmerInnen der vom IGLR mitveranstalteten internationalen COST-Tagung Agrosystems and Labour Relations in European Rural Societies (Middle Ages - 20th Century) in Retz von 31. August bis 2. September 2006 (Foto: Ferran Garcia-Oliver).

Nachdem sich Ernst Langthaler im Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien habilitiert hatte, übernahm er 2011 die Institutsleitung. Eine Erweiterung erfuhr das Institut mit dem Aufbau des Zentrums für Migrationsforschung (ZMF) im Auftrag des NÖ Landesarchivs. Im Jubiläumsjahr 2012 gab das IGLR gemeinsam mit dem AfA eine Evaluierung durch eine internationale Expertenkommission in Auftrag, die eine umfassende Bilanz der Arbeit im vergangenen Jahrzehnt zog:

Das IGLR hat unbestritten neue Impulse in der Forschung zur Geschichte des ländlichen Raumes gesetzt, vor allem im Projekt Landwirtschaftsstile [...]. (Gerhard Strohmeier, Bericht über die Evaluierung von AfA und IGLR, Wien 2012, 29)

In der Außensicht auf das IGLR wird der theoretischen und methodologischen Reflexion und Auseinandersetzung Mut, geistige Unabhängigkeit und hohe Kompetenz zugeschrieben, sie ist durchwegs mit expliziter Anerkennung der innovativen Ausrichtung des IGLR verbunden. (ebd., 30)

Das IGLR wird als eine Einrichtung wahrgenommen, die in der Forschung „Dinge bewegt zur richtigen Zeit“ (Interview extern), die über „viele gute Kontakte“ (Interview extern) verfügt und in ihren Vermittlungs- und Kommunikationsaktivitäten „publikumsbezogen“ (Interview extern) ist. (ebd., 31)

Es sei „absolut bemerkenswert, was hier geforscht wird, ich sehe das sonst im deutschsprachigen Raum nicht realisiert.“ (Interview extern) Das IGLR sei „gut aufgestellt“ und „das IGLR wird auf jeden Fall wahrgenommen“ (beide Zitate: Interviews extern). (ebd., 34)

Das Profil des IGLR wird – wie eben auch beim AfA - in seiner thematischen Konzentration auf die Geschichte des ländlichen Raums gewürdigt, gleichzeitig aber auch in der theoretischen und methodischen Offenheit: „Rural History wird nicht als paradigmatisch verengtes Feld“ (Interview extern) betrieben, sondern es wird „sehr offen, sehr interessiert, klug und undogmatisch“ (Interview extern) geforscht, neue Ansätze – auch aus anderen Disziplinen – werden in die Forschung integriert. (ebd., 34)

Die externe Evaluierung bot den Anstoß zu einer institutsinternen Strategieentwicklung als Leitlinie für die folgenden Jahre.